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Made in Germany: Das industrielle Erbe in einer digitalen Zukunft

Als langjähriger Mittelpunkt der Industrie- und Automobilbranche hat Deutschland das „German Engineering“ auf der ganzen Welt berühmt gemacht und weltweit Maßstäbe für hohe Qualität gesetzt. Doch die Welle der digitalen Innovationen verändert jede Branche und das Land steht vor der großen Herausforderung, eine neue Haltung und Denkweise zu entwickeln, um mit dem globalen Markt mitzuwachsen.

Das Erbe der hohen Qualität

Im Jahr 1887 verabschiedete das britische Parlament den Merchandise Marks Act, um lokal produzierte, qualitativ hochwertige Produkte vor Nachahmung zu schützen. Deutsche Hersteller waren gezwungen, ihre Produkte als „Made in Germany“ zu kennzeichnen. Was ursprünglich als Stigma gedacht war, um Nachahmerprodukte minderer Qualität zu markieren, wurde zum Qualitätssiegel einer weltweit führenden Exportnation.

Dank unserer typischen nationalen Charakterzüge von Effizienz, Präzision und Spezialisierung hat Deutschland die höchste Dichte globaler Marktführer hervorgebracht, mit einer Vielzahl von Hidden Champions, spezialisiert auf industrielle Nischenmärkte mit weltweit verankerten Wertschöpfungsketten. Diese Charakterzüge wurden jedoch gleichzeitig zum Hindernis für eine „Digital-First“ Haltung, was dazu führte, dass Deutschland die erste große Welle der Digitalisierung vorbeiziehen ließ während Markteintrittsbarrieren in den Industriesektoren für innovative Tech-Unternehmen sanken. Damit steigt stetig die Wahrscheinlichkeit, dass die großen Industrie-Goliaths von kleinen Digital-Davids geschlagen werden.

Struktur versus Geschwindigkeit

Deutschland wird im Ausland gern um seine physische Infrastruktur beneidet, hinkt jedoch in Schnelligkeit und Reichweite der digitalen Infrastruktur im internationalen Vergleich zurück. Wir haben umfangreiche Gesetze, die einerseits zwar geistiges Eigentum und Ideen schützen, andererseits jedoch den Zugang zu Daten erschweren, da durch Politik und Medien die Angst vor Datenkraken und digitaler Transparenz groß ist. Wir sind spezialisiert und präzise, aber im Hinblick auf einen „Entrepreneurial Spirit“ bremsen uns Risikoaversion und fehlender Mut auch mal zu scheitern aus.

Über smartere Systeme hinaus

Wissend um die enorme Bedeutung der Automatisierung und intelligenter Datenverarbeitung im industriellen Prozess, führte die deutsche Regierung die Initiative „Industrie 4.0“ ein. Um nicht den Anschluss zu verlieren konzentriert sich die Initiative auf die Effizienzsteigerung und Optimierung von Prozessen durch die digitale Orchestrierung von Mensch und Maschine. Mit einer kontinuierlich wachsenden Dichte von 301 Robotern pro 10.000 Mitarbeitern gehört Deutschland mittlerweile zu den Top 5 der Robotik-Nationen. Allerdings beschränkt sich der fortschrittliche technologische Ansatz der Initiative bis dato nur auf die Produktion – die vollkommene digitale Integration in Unternehmen gilt es in Zukunft noch zu meistern. Deutschlands Fokus auf Effizienz und Prozesse behindert tatsächliche Produktinnovationen und Transformationen von Geschäftsmodellen, die die Möglichkeiten voll ausschöpfen würden. Beispielsweise steht Deutschland als Marktführer in der Automobilindustrie heutzutage in Konkurrenz mit Unternehmen wie Google und Tesla, die Software im Herzstück ihrer Marke verankert haben.

Vom Produkt zur Plattform

Die fortlaufende Optimierung und Veränderung von Prozessen ist nur ein Teil des Puzzles – in einer Welt, die sich schnell verändert, sind Geschäftsmodellinnovationen der Schlüssel zu Wachstum. Marc Andreessen, Mitbegründer des Silicon Valley Venture Capital Unternehmens Andreessen Horowitz, brachte es in seinem berühmten Satz auf den Punkt: „Software is steadily eating the world“ – und die macht keinen Halt vor den Toren industrieller Fürstentümer. Produkte müssen sich mehr und mehr gegen Plattformen geschlagen geben. Und im Plattform-Geschäft bekommt der Gewinner alles. Bisher hat Deutschland noch keinen globalen Plattform-Marktführer hervorgebracht und möglicherweise bei seinem bekanntesten digitalen Produkt die Chance vertan: das Dateiformat .mp3 ist „Made in Germany“ und wurde von visionären Wissenschaftlern des Fraunhofer Institutes entwickelt. Dennoch wurde diese bahnbrechende Erfindung nie über ihr Patent hinaus monetarisiert, welches im April diesen Jahres ausgelaufen ist. Die Gelegenheit, in größere Verbrauchermärkte oder digitale Plattformen einzusteigen wurde schlichtweg verpasst.

Frühzeitig zukunftsorientiert denken

Wir müssen folglich größer denken – und mutiger. Als Nation der Dichter und Denker müssen wir unsere Kreativität, Neugier und unseren Intellekt weiterhin fördern. Beginnend in der Ausbildung müssen wir frühzeitig digitale Kompetenzen vermitteln. Das Lernen von Programmiersprachen in Schulen sowie ein vielfältigeres Angebot an Universitäten und Lernstätten sind hierfür essentiell. Und mit wachsender digitaler Kompetenz in der Ausbildung müssen Marken höhere Identifizierung für potenzielle und bestehend Mitarbeiter stiften und dafür sorgen, dass wir unsere brillanten Köpfe nicht an die Konkurrenz aus anderen Teilen der Welt verlieren. Der Erfinder des Google Car, Sebastian Thrun, ist ein deutscher Wissenschaftler und Innovator, der mit seinem Talent ins Ausland ging, weil er Silicon Valleys Unternehmergeist der deutschen Risikoaversion vorzog. Wenn sich Marken dieser Tage nicht davor scheuen, weiterhin neue Wege zu gehen und eine Kultur pflegen, in der Risikobereitschaft ein wichtiger Teil der Lernkurve ist, dann werden sie langfristig auch „Made in Germany“ mit neuer und relevanter Bedeutung aufladen. Wechselwirkend wird das Qualitätssiegel sowohl neuen als auch etablierten Unternehmen dabei behilflich sein, die richtigen Talente anzuziehen und zu binden. Und sie haben die Chance Deutschlands Renommee über die reine Produktion hinaus auszubauen.

Wer wagt gewinnt

Um große Ideen in die Realität umzusetzen, müssen wir in sie investieren. Glücklicherweise erkennen immer mehr deutsche Unternehmen die Bedeutung von Inkubatoren und Seed Funding sowie die Vorteile von Kooperationen mit Startups. In dieser Hinsicht kristallisiert sich Berlin als Brutstätte für einige der großen deutschen Startups heraus, mit Unternehmen wie Zalando, Soundcloud, Delivery Hero und der diesjährigen Breakthrough Brand, Unu. Während die Hauptstadt oft als „arm aber sexy“ bezeichnet wird, profitiert sie von ihrer kulturellen Vielfalt und Lebendigkeit, und wird Deutschlands Hotspot für Venture Capital. Betrachtet man das Volumen, ist Deutschland Europas zweitgrößter Venture-Hub mit 2,2 Milliarden Euro Venture Capital, von denen 1,07 Milliarden Euro in die Berliner Startup Szene flossen.

Eine digitale Zukunft gestalten

Deutschlands junge und aufstrebende Marken geben einen positiven Ausblick auf innovative Geschäftsmodelle und damit verbundenes Wirtschaftswachstum. Die Konzentration auf unsere Stärken gepaart mit früh-erlernten digitalen Kompetenzen bieten uns Chancen bislang unbekanntes Plattform-Terrain zu erschließen. Wenn wir durchdachte, smarte Datennutzung fördern statt Datenprotektionismus zu betreiben, dann können wir unsere qualitativ-hochwertigen Produkte mit neuen Servicemodellen bereichern. Jedoch am aller wichtigsten ist dabei, dass wir von außen nach innen denken und entwickeln, mit kompromisslosem Fokus auf die Bedürfnisse von Kunden und Nutzern. Denn um mit dem „Made in …“-Zeichen relevant zu bleiben, muss die Frage nach dem „Made for…“ jederzeit klar beantwortet werden können.